Meine Vorstellung war es, mit poetischen Texten von GastautorInnen alle Jahreszeiten zu erfassen. So ist im Laufe des Jahres 2002 diese Gedicht- und Prosasammlung entstanden. Ich danke BaLo*, Claudia, Heike und Erika, die diese Seite mit ihren Worten belebten.

Die Autorinnen:  

Barbara BaLo* Lorenz (In der Sonne sein, Wunder der Liebe, Juli, Zum 9. November, Das macht's leichter,
                                               Mittwinter-Illusion)

Claudia Nestler (Im Frühling..., 3 Sommer-Haiku, Oktobertag, WinterMorgen)

Heike Reiter (Sehnsucht, Sommertraum, Impression, Zeremonie)

Erika Stenglin (Frühlingserwachen I, Modische Kriterien, Durch die Blume, Totengedenken, Fest der Freude)

Barbara BaLo* Lorenz

http://www.beepworld.de/members/balo-lyrik/

In der Sonne sein


    nach der scheinbaren

    Endlosigkeit

    des Winters

    Sich der Atemlosigkeit

    der Kaltwelt

    entledigen

    Im Frühling

    im Freien stehen

    und alte Blätter

    wegrechen

    Die Krokusse

    blühen sehen

    und wieder spüren

    daß man selbst

    am Leben ist




Wunder der Liebe


Im Radio spielten sie "A Miracle of Love". Nebenan lag ihr Vater auf seinem Krankenbett und konnte sich nicht mehr eigenständig bewegen. Sie lauschte seinem Atem. Er schlief. Durch das Fenster fielen die Strahlen einer frühen Märzensonne. Sie waren wie flüssige Seide und hatten die Farbe von Blutorangen. Bernie liebte dieses Licht. Sie war ein Frühlingskind und zu Sankt Patrick am 17. März geboren. Fest der Iren. Sie fand es schön, was sie darüber wußte. Ein Fest voller grüner Kleeblätter und alter Mythen. Sie wußte, es wurde viel getrunken an diesem Tag und viel gesungen, aber auch geweint. Irland: Welch eine Geschichte voller saftiger Hügel und narbig gekämpfter Herzen. Gräber. Zorn. Aber auch Frohsinn und Tanz. Auch sie war so ein Wesen: lustig und traurig zugleich. Nie zuvor hatte sie sich mit ihrem Geburtstagspatron so verbunden gefühlt. Sie brauchte nicht einmal die Augen zu schließen. Sie sah auch so in sich mitten hinein in eine smaragdfarbne Landschaft und auf ein wogendes Meer. Sie roch die Erde, wie sie warm wurde, den Klee auf den Wiesen, das Salz in der Luft von der See her. Und sie spürte eine wilder Trauer in sich aufsteigen. War es nicht ihr Vater, der ihr die Schönheit jener Inseln zu vermitteln wußte? Und er konnte nun nicht einmal mehr richtig sprechen. Alle Geheimnisse der Welt mußte sie von nun an selbst erforschen. Während draußen sich die Natur neu öffnete, schloß sich die Türe langsam hinter ihrem Vater. Noch war er da, aber dieser März würde sein letzter sein. Wahrscheinlich. Wenn nicht ein Wunder geschähe. Die Krokusse, die unter seinen Bäumen im Garten wuchsen, waren als einziges geblieben, was ihn noch am Frühling erfreuen konnte. Er konnte das Haus nicht mehr verlassen, und diese fröhlichen Blumen lagen in seinem Blickfeld in Fleckenteppichen aus Lila und Gelb.

Bernie würde ihren Vater auch heute wieder im Rollstuhl auf die Veranda schieben und mit ihm in den Garten blicken, wenn die Sonne voll war. Sie würden beide hinaus sehen auf die Blüten und die Bienen, die sich um sie tummelten. Bernie würde ihre Hände auf seine Schultern legen und spüren, wie er weinte. Leise. Im Inneren. In sich hinein. Es war wie ein feines Beben: Schmetterlingsflügel unter seiner noch warmen Haut.

Im Radio spielten sie "A Miracle of Love". Nebenan lag ihr Vater im Sterben, und irgendwo blühte der Klee mit Kraft als wär's für ewig.


© Barbara BaLo* Lorenz, Donnerstag, 14. März 2002




JULI


Mein Garten trägt Brokat.

Auf seinem Wildwuchs spielt die Windlaute.

Falter tanzen das Menuett,

und ich bin die Hofnärrin

im Queckenreich.


Nachts sitzen wir zum Venussternschein

und lassen unsere Gedanken

einfach werden,


träumen vom Ozeanbankett,

Muschelbänken,

und Heringsschwärmen,

die sich im kalten Naß tummeln.



(c) Barbara BaLo* Lorenz,

für Helga, am 11. Juli 2002





Zum 9. November


An der Kristallkathedrale

meiner Zeitsprünge

klopft ein Krampus an

bringt kein Zuckerwerk

läßt alle Seifenblasen

platzen


mit seinem Faustkantenschlag

zerspringen alle Kaleidoskopblicke

in der Klarsicht

auf den 9. November


als das Herz brannte

und Augen sich ausweinten

und nichts mehr war

wie zuvor

als der Herd

seine Heimwärme verlor

die Kamine

sich zu Schlöten verwandelten

garstig und grausam

und das, was allen

einst Heimat war

zur Gefahr geriet


Als der Höllenhund losgelassen war

und die Liebe ihren Hausplatz verlor

an den Muschelbänken des Landes

scharfkantig sich der Haß einschnitt

ins Stammbuch der Zeit

sich Teufelsbrut einschrieb

in braunen Lettern

und Blut.


(c) Barbara BaLo* Lorenz

4. November 2002






Das macht's leichter:


Das Leben auch im Schneepalast

à la carte nehmen, wie es daher kommt,

die Eisjuwelenteppiche auf den Dächern

zum Wunder erheben,

die Stürme, die ums Hauseck pfeifen,

bejubeln: Ein göttlicher Bernstein dirigiert.

Sieh doch die Lichter in den Fenstern,

und wie Sterne sich in stillen Pfützen spiegeln.

Sei dir Heizung und selber ein Freund!

Und wenn dann einer

an deine Tür klopft,

beginne zu lächeln -

ehe du öffnest.


(c) Barbara BaLo* Lorenz

4. November 2002





Mittwinter-Illusion


Schnee schwer

hängen die Wolkern

über Mittwinter

Kerzen im Haus

und irgendwo

über allem

der Traum

von Heiliger Nacht

Anisplätzchen

gemeinsam speisen

fröhlich sein

als wäre das Jahr

ohne Not gewesen

und morgen

nur noch lachen

und tanzen


(c) Barbara BaLo* Lorenz, 19.12.2001

Claudia Nestler

E-Mail: clnestler@web.de

Im Frühling

   ist das Land Licht

   klingt das Lied der Amsel laut

   deckt Gras die Winterwunden


nur im Frühling

   wirft mein Herz einen weiten Schatten



© Cl. Nestler, 1.4.2002




Bis zum Horizont

leuchten Lavendelfelder

blau im Sonnenlicht



        Im Abendwind weht

        der Duft der Heckenrosen

        durch den stillen Park



                Am rostigen Zaun

                klettert die Winde empor

                trägt rosa Blüten




Oktobertag


klare blaue Stille

auf braunrotbuntem Teppichlaub

Lichtflimmern

zwischen halbkahlen Zweigen

im Dunst des Abends

verschwimmt der Herbst




WinterMorgen


eis rinnt

durch deine

adern

fluß


schorfige

krusten

verletzen deine

ufer

see


eis in mir

in meinen

venen

verschorft die

haut

eiswund und

taub


die hölle in mir

ist kalt

Heike Reiter

Sehnsucht


Im Gemälde des Himmels

fliegen Wolken

ist vom blauen Sturm zerzaust

die Malerei


Im Bild des Wassers

fließen geschmolzene Sonnenstrahlen

wie pures Silberboot

in tiefem Wellenlabyrinth  

blendend klares Licht


Erinnerung ans Erwachen

ans Auferstehen

und

Sehnsucht nach

Verlorenem


Zärtlichkeiten

eines Frühlingstages


Wind im Haar

Spiegel in der Seele

Vergangenheit im Blut

und Träume  


Ich stehe am Rand

Sehe mich

Sehe mich nicht



(c) Heike Reiter 2002




Sommertraum


Gedanken

an klares Licht

und

blaues Eis


Träumereien

von sturmgepeitschtem Meer

und hohen Bergen


Sehnsucht

nach dem Flechtenbart

und dem Rätsel

im

Labyrinth der Steine


Wind auf dem Gesicht

und kalte Luft im Herzen


Nächte, die nicht dunkel werden


so hell

so weit


im Norden

träume ich

gegen den Sommer



(c) Heike Reiter 2002




Impression


Mit den Nebelbräuten

zieht die Stille

über das Land


Ein Schweigen,

das nicht nur drinnen ist,

sondern auch draußen


Über die kahlen Felder

streicht nur Erinnerung noch

an Farben und an Frucht


Die Wälder

stehen jetzt dunklen Burgen gleich

die Bäume

verlassen und

vom Wind zerzaust


Ein ödes Land

mag es sein,

das dem Winter vorangeht,


jedoch

mit dem richtigen Blick gesehen

ist es


beseelt,

bewohnt

bewacht


und immer

finde ich Platz darin


für meine Gedanken



(c) Heike Reiter 2002




Zeremonie


Eisnacht

winterdunkel

schneekalt


Zeitstill

erwartungsschwer

stundenlang


zwischen sieben Träumen

singen

Sturm und Wolken

unser Lied

zum Beginn der rauhen Nacht


Wir sind das wilde Heer


Hörst du uns?  



(c) Heike Reiter 19.12.2001

Erika Stenglin

http://www.stenglin.de/erika

Frühlingserwachen I


Die Oma wäscht die Vurhäng und die Spitzndeckla.

In Boum härst mit sein neier Skäitbord schlurfn.

In Opa gfällt a Poppers in an Miniröckla.

Hopp, Winter, schleich di etzert, kratz die Kurvn!



(c) Erika Stenglin

(aus ihrem Buch "Für a Fümpferla Allererhand")


Modische Kriterien


Wenn die altn Knacker

ihre keesichn

Krampfadern-Steckerslasbaaner

vo der korzn Huusn

vurschauer loun

und ihrn Bierbauch

mit an quergschraaftn Tie-Schört

zoudeckn


wenn die altn Weiber

ihrn fettn Hintern

in a bombomfarbiche Bermuda-Schort

neizwänger

odder wenns mit anner blummertn

Schlafanzuuchhuusn aff der Straß

rumhaatschn


wenn sie die junger Mannsbilder

halmi nackert ass ihrn Auto rausschäln


und wenn sie die junger Maadla

untnrum a Stickla Schlauch

drieberstülm

und oomerrum a durchsichtigs Fähnla

flattern loun


nocherdla wassi gwieß

dass mer an haaßn Summer hom.


Obber


wenn nou a ganze Schollklass

mit schwere schwarze Schnürstiefl

dahersappt

binnermer fei goar nemmer su

sicher.




Durch die Blume


In die Zienien steckt mer net drin

hot der Blummermoo gsacht

wäiermi beschwert hob

dass nerblouß zwaa Tooch

ghaltn hom


Zu den gäi i nemmer


Ders im Stand

und verkafft mer an Strauß

wou er drin steckt


Wou nehmert i denn

a su a trumm Vasn her.




Totengedenken


An Allerheilichn werd

affn Friedhuuf ganger

konn sei wos mooch

dou hält mi nix

des lossermer net nehmer

dou lossermer nix nouchriedn

dou werd kontrolliert

obber wos Gscheits

hiegschtellt hot affn Staa

der Gärtner

und ob der Aufseher

es roogfallne Laub

zammgrechnt hot

neemdroo am Weech


I wass doch wos si ghärt

i wass doch wossi meine Leit

schuldi bin

i hob doch unterschriem

damols

bam Notar

bevurermer in Erbschein

ausghändicht hot.

Fest der Freude


Zerscht

freitsersi

wenns für jedn vo ihre Leit

a passerds Gschenk waß


Nocherd

freitsersi

wenn die eigwickltn Gschenker

im Schrank

und die selberbackner Plätzla

in die Bixn lieng


Wenn die Goons schäi waach

und der Stolln net spundi is

und wenn die lilaner Christbaumkerzn

net affn Teppich tropfn

freitsersi

aa


Bsonders

freitsersi

wenn die Klann nix hiemachn

wenn die Weiber net

schlecht aafglecht sin

und wenn die Mannsbilder net

es politisiern oofanger


Wenn die ganze Baggaasch widder

draus is zum Templ

freitsersi

einggli aa


Speeter

freitsersi

wenn die Kaffeefleckn

as der neier Tischdeckn

widder rausgenger

wenn die letzt Tannernadl

nauskehrt is

und wenn alle Gschenker

widder umtauscht sin


Obber am mastn

freitsersi

wenn ihr Waach endli

widder es Gwicht

vom vergangerner November oozeicht


Su is des ganze Weihnachtn

a aanziche Freid für sie


Trotzdem hots manchmol es Gfühl

daß widder net

die grouße Freid woar

wou der Engl damols verkündicht hot.



(c) Erika Stenglin

(aus ihrem Buch "Für a Fümpferla Allererhand")

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