Schwabacher Tagblatt, 5. Mai 2004

 

 

Zwei auf einmal: ein erlesener Abend

Helga Hochmann und Gerd Berghofer lasen im Rosshirtenturm
aus ihren Werken – Glänzend variiert

 

 

SCHWABACH (ukb) – Die Überschrift passte. Man traf sich zu „Wortwechsel mit dem Turm“. Der Rosshirtenturm des Geschichts- und Heimatvereins einerseits als trefflich „Erlesener Ort“ der Leselandschaften Bayerns. Anderseits verstand sich der „Turm“ als das Gegenüber für einen Austausch zwischen den beiden Wortkünstlern Helga Hochmann und Gerd Berghofer. Im Mittelpunkt standen gehaltvolle lyrische Prosa und prosaische Lyrik.

 

 

Absurd und akribisch

 

Kurze Gedanken wurden in metrischer Melodie zum Ausdruck gerbracht. Sie bewiesen ein beachtliches Maß an literarischer Kultur. Beide Literaten ergänzten einander. Während Helga Hochmann gerne metaphorische Wege in ihren Werken mit liebevollen, humorvoll-absurden Attitüden beschreitet, zeigt sich Berghofer als akribischer Beobachter, der die knappe Präzision bevorzugt.

 

Äußerst interessant war es für den kleinen Zuhörerkreis, als Gedichte zweimal , das heißt von jedem Autor, nacheinander gelesen wurden. Aufschlussreich die veränderte Wirkung. Insbesondere bei den Liebesgedichten wirkte der Vortrag von Helga Hochmann oft zärtlich, sehnsüchtig und gelassen. Bei Gerd Berghofer kam das gleiche Gedicht knisternd erotisch, geheimnisvoll oder als Ausdruck einer festen, gar distanzierten Überzeugung zum Ausdruck.

 

Doch nicht nur die vorgestellte Lyrik wusste zu fesseln. In gleicher Weise gelang dies auch den Prosa-Texten. In diesem Metier demonstrierten beide Künstler außerordentliche Klasse. Helga Hochmann mit einfühlsamer, liebenswürdigen bis hin zur surrealen Erzählweise. Präzise, aus der Distanz heraus, aber nicht gefühlskalt offenbart Gerd Berghofer seine Arbeitsweise für seine Prosa-Texte. Ob die detaillierte Schilderung des Totengräbers, der sein eigenes Grab schaufelt und sich für seinen letzten Weg vorbereitet oder die Kostproben aus seinen „Beziehungen und andere Feindschaften“. Lupengenau im Detail, lässt Berghofer keine Nebensächlichkeit außer Acht, die das Gesamtbild und die eigentliche Botschaft ergänzen beziehungsweise stützen will. Dieser Abend passend zur Reihe: einfach erlesen.

 

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FEUCHT  Auch wenn es eher uncharmant klingt: Ein unbeschriebenes Blatt in punkto Lebenserfahrung darf man nicht sein, wenn man über  Lebensläufe schreiben will. Man muss schon etwas mitgemacht haben, um über die Höhen und Tiefen, die schönen Seiten und die Zicken des Lebens berichten zu können. Sowohl die so genannten  Geschichten, die das Leben schrieb , als auch die Gemütslagen, die diese Aufs und Abs hervorrufen, muss man aus erster Hand kennen, sonst kann man keine Literatur daraus machen. Und genau das können die drei Autoren, die sich im Café Bernstein zu einer gemeinsamen Lesung unter dem Motto  Lebenslauf trafen. Dass man dabei aber auch das literarische Handwerkszeug aus dem Effeff beherrschen muss, versteht sich von selbst. Vor leider nur sehr kleinem Publikum lasen die gebürtige Altdorfer Schriftstellerin Ursula Muhr, der Georgensgmünder Autor Gerd Berghofer und die Schwabacher Autorin Helga Hochmann eine interessante Auswahl von Texten, Prosa und Lyrik, zu drei verschiedenen Themenkomplexen. Der erste Bereich war eindeutig der am schwersten verdauliche. Bei den gelesenen literarischen Kurzformen handelte es sich um Texte über Tod, Krankheit, Düsterheit und Alter. Besonders unter die Haut ging eine kurze Geschichte von Gerd Berghofer über den Tod eines Totengräbers (!). Sehr einfühlsam wird die Gemütslage der inneren und äußeren Dunkelheit dieses einsamen Menschen geschildert sowie die beinahe unangenehm realistisch und sinnlich dargestellten Details seiner Arbeit. Sie lassen erschauern, richtig makaber erscheint allerdings der Schluss des kleinen Prosastücks, in dem sich herausstellt, dass der Totengräber sich sein eigenes Grab geschaufelt hat und sich dann folgerichtig wäscht, sauber einkleidet und zum Sterben hinlegt. Muhr und Hochmann fügen sich mit weiteren Moll-Gedichten in diese Stimmung ein. An anderer Stelle versteht es Gerd Berghofer allerdings, die trüben Stimmungsbilder durch einzigartige Überraschungsformulierungen zu zerstören und die Zuhörer sind durchaus dankbar dafür. So endet sein Gedicht  Novembersonne mit der Feststellung  Ich weiß auch nicht, wo der G-Punkt des Novembers liegt  wer weiß es? . Von ganz anderer Tragik ist die Geschichte von Ursula Muhr  Gestern habe ich mich umgebracht , in der sie auf drastische Weise von den Qualen einer Todkranken berichtet, die in der geschilderten Momentaufnahme nicht mehr unter ihrer unheilbaren Krankheit oder den damit verbundenen Schmerzen leidet, sondern unter der Tatsache, dass man ihr es so schwer bzw. unmöglich macht, ihrem Leben und Leiden ein Ende zu bereiten. Und auch Muhr gelingt es, dem Publikum ein vermeintlich unangebrachtes Schmunzeln zu entlocken, indem sie nicht respektvoll auf Distanz geht, sondern authentisch bis über die Schmerzgrenze hinaus die Gedanken und Lebensumstände der Hauptperson in diesem wahrlich beklemmenden Prosastück schildert. Ein Schmunzeln, das einem freilich im Hals stecken bleibt ( akustische Belästigungen sind von meinem Leichnam nicht mehr zu erwarten ). Feinfühlige Metaphern Äußerst sensibel auch Hochmanns  Weg aus dem Schweigen , in dem sie die Empfindungen eines Paares skizziert, das nur noch aneinander vorbeiredet, dem die Liebe abhanden gekommen ist, so dass die Frau beschließt, ihren Partner für immer zu verlassen. Typisch ist das Schweigen nach banalen Wortwechseln, das bis zu Verletzungen und Weinkrämpfen führt. In feinfühligen Metaphern fasst sie diese Erlebnisse:  Wunden, die nicht heilen können, jetzt eitern sie, die Keime sind in mein Herz gedrungen . . . Nach der Pause wenden sich die Autoren  kuscheligeren Texten zu, wie es Gerd Berhofer ausdrückt. Beziehungskisten in all ihren Varianten werden da ausgepackt und zu hören gibt es unter anderem aus Berghofers Buch  Beziehungen und andere Feindschaften und aus Muhrs Sammlung  Ungeordnete Verhältnisse . In diesem Lese-Set sind  vorgegeben durch das Thema  verstärkt Wortspielerei und hübsche Sprachschöpfungen zu hören. Besonders die Gedichte von Berghofer enthalten kreative und kühne, sinnliche Formulierungen, oft deftig und strotzend vor Leidenschaft, während Muhr die vielseitigen Aspekte der Liebe zur Zeit und zur Unzeit  so der Untertitel ihres Bandes  in manchmal unerwarteter Deutlichkeit auszudrücken versteht. Helga Hochmann fällt durch ihre einfühlsame Erotik-Sprache und die nachvollziehbaren differenzierten Gefühlsschattierungen auf, zum Beispiel, als sie die Emotionen einer Mutter zum Thema Loslassen schildert, weil die Tochter in die Pubertät kommt. Ein interessantes Experiment führen die drei Schriftsteller mit einigen ihrer Gedichte durch: Sie verraten nicht, wer der Urheber der Zeilen ist und lesen den Text nacheinander. Erstaunliches kommt dabei zu Tage, bei dem Gelesenen scheint es sich je nach Betonung, Tempo, Sprachmelodie, Lautstärke und Phrasierung um völlig verschiedene Gedichte zu handeln, die gänzlich unterschiedliche Wirkungen entwickeln. Heiteres und Satirisches gibt es schließlich als Zugabe. Der kleine, aber begeisterte Zuhörerkreis verlangt gleich mehrere Dreingaben.

GISA SPANDLER

Der Bote, Feucht, 12. Mai 2004

Literarische Lebensläufe