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Am Ende fängt es an...

 

22. Juni 2002

 

Meine Träume lebten weiter als Schwestern der Wirklichkeit. Sie blühten nebenan auf saftiger Wiese, während das Land, auf dem ich lebte, zusehends verdorrte. Ich sah aus meinem Fenster, sah sie noch dort, sah sie leuchten bei Tag und bei Nacht.

 

 

 

 

 

12. Juni 2002

 

 

Ziehende Landschaft

 

Man muß weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muß den Atem anhalten,

bis der Wind nachläßt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zu Hause sind,

wo es auch sei,

und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es an das Grab

unserer Mutter.

 

Hilde Domin

 

 

 

 

 

3. Juni 2002 - Wieder keine Geschichte

 

Da ist ein schwarzer Kater auf dem Tisch, der hat staubige Pfoten und benimmt sich aufdringlich. Mit Vorliebe legt er sich mitten auf die Seite, die ich eben beschreiben will. Kein Blatt bleibt wirklich leer. Der Kater hat sie längst signiert.

Möchten Sie wissen, wie es sich schreibt, wenn ein Kater auf dem Handgelenk liegt? Richtig. Nichts schreibt sich mehr. Und die Frage taucht auf, welcher Unmut der größere ist. Meiner, weil ich nicht schreiben kann, oder der des Katers, wenn ich ihn wegstoße. Einfach ist das nicht, denn er vereint die Eigenschaften von Klette und Bummerang in sich.

Es gibt kein Entrinnen. Also lasse ich das Stück frei, wo seine Vorderpfoten stehen, und nehme es hin, dass er in das Ende meines Stiftes beißt. Lange geht das nicht. Ich ergebe mich. Wir sitzen Stirn an Stirn und halten still und träumen.

 

 

 

 

 

20. Mai 2002 - Wird alt und hat nicht getanzt

 

Jemand brachte uns bei, was geschieht, wenn... und was "bääh" ist und was nicht... und was von uns erwartet wird. Zuviel gelernt. Zuviel Ballast aufgeladen. Wer sich an die Last gewöhnt hat, fühlt sich unsicher in der Leichtigkeit, hat das Gefühl, es fehle etwas, das zu ihm gehört wie Arme und Beine. Wer Zeit seines Lebens getragen hat, glaubt zum Tragen geboren zu sein und setzt alle Kraft dafür ein. Aber wie sollte er tanzen mit seiner Bürde und unebene Wege begehen, könnte doch straucheln, samt Packen versinken. Fühlt sich so schwer, so müde, so alt. Wird alt dabei. Wird alt und hat nicht getanzt.

 

 

 

 

 

19. Mai 2002 - In alten Tagebüchern lesend

 

Warum zieht alles nur durch mich hindurch?

Weil du im Fluss bist.

Aber manche Erkenntnisse behielte ich gerne.

Denkst du, dass sie verloren sind?

Ich weiß nicht. Das setzte Entwicklung voraus, wenn sie zu irgendwas nütze sein sollten.

Glaubst du, dass du ganz still gestanden bist im letzten Jahr?

Eigentlich nicht. Aber lieber wäre ich weiter gekommen.

Von wem ist das Maß aller Dinge? Wer sagt dir deine Zeit?

Weiß nicht. Eigentlich kann und darf es nur ich.

Dann ist doch alles ganz leicht, oder?

Ja, dann ist es ganz leicht.

 

 

 

 

 

17. Mai 2002 - Nichts geschieht umsonst

 

Die Hochmann will im Osten Berlins die Freundin besuchen und landet im westlichen Nobelviertel. "Du kannst nicht anders, als in den Grunewald fahren", sagt die Freundin später. Hochmann fährt nach Plan und verfährt sich gründlich. Landet auf der Avus, vorbei am Hüttenweg, der kommt ihr bekannt vor, irrt hinein in den abendlichen Stau, steht und fährt und lang keine Ausfahrt. Sieht das Schild "Avus-Raststätte", will sich einen Stadtplan kaufen, hinunter von der Avus, hinein in einen vierspurigen Stau, gelber Schilderwald und kein Zurück. Endlich ein Schild Richtung Raststätte, am Funkturm vorbei und am Messegelände, die Raststätte wieder nicht gefunden, hinein in Zone 30. Erkennt die Straße wieder, entlang der Avus zurück bis zum Hinweis Königsallee und kommt mitten im Grunewald an. Vertraute Straßennamen aber keine Orientierung. Fährt nach Gefühl, plötzlich links die Reiterstaffel des Bundesgrenzschutzes, das kennt sie, gegenüber der vertraute Zugang zum Wald Richtung See, da ist sie mit der Freundin schon gelaufen. Endlich ruft die Freundin zurück, "bleib da", sagt sie, "ich komme dich holen."

 

Hochmann parkt im Parkverbot. Das tun hier etliche, vornehmlich klappen sie die Heckklappen hoch und lassen Hunde aus den Kofferräumen springen. Gassigehen im Grunewald. Hochmann bewegt sich zögernd vom Auto fort, wegen des Parkverbots mit leichtem Unbehagen, sieht eine Frau mit drei Hunden im Auto freundlich an, selbige lächelt zurück, worauf Hochmann entgegen ihrer Natur etwas sagt.

 

"Eine große Familie", sagt sie zur lächelnden Frau und jene antwortet: "Nur zwei, der Kleine ist nur in Pflege." Weiter blickt jene offen herüber, als wolle sie das Gespräch gerne fortführen, Hochmann schafft den zweiten Sprung über ihren Schatten nicht und geht freundlich lächelnd langsam weiter. Ein Hund folgt ihr, wird zurückgepfiffen, dann biegen die Fremden in einen Waldweg ein.

 

Hochmann geht die Straße lang. Ein dunkler Mercedes-Kombi parkt ein, mitten auf dem Gehweg. Typisch Mercedes, denke ich, ein junger Mann steigt aus und eine alte Frau mit leuchtend mittelblauem Kostüm, roten Haaren, klein und schlank, mit einer großen dunklen Sonnenbrille und dann der Mund... - Brigitte Mira, denke ich - da dreht sie sich, geht einige Meter vor mir, ich sehe auf ihren weiß-grauen Haaransatz, der Mann reicht ihr seinen Arm, trägt ihre Taschen und führt sie Stufen hinunter zu Hauseingängen. "Wohnt sie in der Königsallee?", frage ich die Freundin später. "Sie hatte kürzlich ihren 92.", sagt die Freundin und dass es selbst ihr klar sei, dass ich deswegen in den Grunewald musste.

 

 

 

 

 

17. Mai 2002 - Autobahnraststätte

 

Oasen gibt es überall. Schatten, Vogelgezwitscher und vergessen, dass ich unterwegs bin. Irgendwo zwischen Bäumen ankommen. Auf dem Boden die schaukelnden Schatten von Blättern und Zweigen.

 

 

 

 

 

6. Mai 2002 - Verlustanzeige

 

Auf dem Heimweg schöne, geformte Sätze im Kopf gehabt, dann den Kater gefüttert, Pizza in die Röhre geschoben,an den Schreibtisch gesetzt, weg... Alles weg...

 

 

 

 

 

3. Mai 2002 - Aus Erfurt:

 

"Wenn ein Mensch getötet wird, stirbt eine ganze Welt."

 

Jüdisches Sprichwort

 

 

 

 

 

28. April 2002 - Aus der Geburtstagspost:

 

Jeder, der sich die

Fähigkeit erhält,

Schönes zu erkennen,

wird nie alt werden.

 

Franz Kafka

 

 

Sei Königin deines eigenen Reichs,

und du wirst wie eine Königin behandelt.

Achte dich selbst, achte auf dich selbst,

und du wirst geachtet.

Verzeih dir selbst -

und alles kommt ins Gleichgewicht.

Sei eigen-mächtig

und niemand wird Macht über dich haben.

 

Luisa Francia

 

 

 

 

 

27. April 2002

 

hinaus ins Licht!

entronnen den Sümpfen

lethargischen Daseins

glüht

der Augenblick

 

 

 

 

 

26. April 2002

 

                            Gib jedem Tag die Chance,

                            der schönste deines Lebens zu werden.

 

                            Mark Twain

 

 

 

 

 

19. April 2002

 

"Es ist an der Zeit, freihändig zu gehen." Welche Leichtigkeit in dem Bild der Freundin. Und was ist wenn? Wenn die ganzen Wenns weiter im Wege stehen? Um sie herumtänzeln? - Warum eigentlich nicht...

 

 

 

 

 

16. April 2002 - Es wird Licht

 

Endlich Frühling. Nach vierzig Jahren.

 

 

 

 

 

15. April 2002 -  Versprechen

 

Wo du auch bist. Ich werde dich finden.

 

 

 

 

 

14. April 2002

 

Es war Liebe.

Was bleibt, ist die Liebe.

Und Liebe wird sein.

 

 

 

 

 

13. April 2002

 

Schweigen. Nichts als Schweigen. Selbst der Kater ist unerreichbar. Wenn er nicht gerade kotzt, schläft er. Wenigstens nimmt er es mir nicht übel, dass ich ihn zum Tierarzt geschleppt habe. "Mein Gott, ist der schwer. Den wiegen wir mal." Dabei hat er die ganze Woche nicht gefressen... Magenschleimhautentzündung. Wahrscheinlich. Aufatmen. Es hätte schlimmer kommen können. Das kennen wir schon. Nochmal davon gekommen. Das Grauen vor Abschieden. Immer wieder.

 

Was für Gedanken. Hey, es ist Frühling!!! Oder so... in etwa... sollte man meinen...

 

 

 

 

 

11. April 2002

 

Und immer wieder tun sich Abgründe auf. Du gehst in der kühlen Morgenluft, freust dich am wolkenlosen Himmel, gehst und denkst, bis ein Satz die Erde spaltet. Du stehst und blickst in die Düsternis. Du könntest dich abwenden, einen anderen Weg suchen. Du könntest entlanggehen, eine Engstelle suchen, die du überspringst. Oder auf eine Brücke hoffen. Oder jemanden finden, der dir behilflich ist, diesseits oder jenseits.

 

 

 

 

 

7. April 2002

 

                        Bekenntnis

 

                        Wortgläubig bin ich

                        und wünschte

                        ich wäre es nicht

 

                        zumindest

                        nicht immer

 

 

 

 

 

29. März 2002 - Gelesen...

 

"Eine der tragischsten Eigenschaften der menschlichen Natur ist der Hang, das Leben aufzuschieben. Wir alle träumen von einem verzauberten Rosengarten hinter dem Horizont - statt uns über die Rosen zu freuen, die heute vor unserem Fenster blühen."

 

Dale Carnegie

 

 

"Unsere Hauptaufgabe ist nicht, zu sehen, was in vager Ferne liegt, sondern nur das zu tun, was das Nächstliegende ist."

 

Thomas Carlyle

 

 

"Wenn die Bürde von morgen mit der von gestern heute getragen werden muß, wankt auch der Stärkste..."

 

Sir William Osler

 

 

Gruß an die Morgendämmerung

 

Sieh diesen Tag!

Denn er ist Leben, ja das Leben selbst.

In seinem kurzen Lauf

Liegt alle Wahrheit, alles Wesen deines Seins:

   Die Seligkeit zu wachsen,

   Die Freude zu handeln,

   Die Pracht der Schönheit,

Denn gestern ist nur noch ein Traum,

Und morgen ist nur ein Bild der Phantasie,

Doch heute, richtig gelebt, verwandelt jedes Gestern

in einen glückseligen Traum

Und jedes Morgen in ein Bild der Hoffnung.

So sieh denn diesen Tag genau!

Das ist der Gruß der Morgendämmerung.

 

Kalidasa

 

 

 

 

 

28. März 2002 - Schönrechnen

 

Am 14.4. feiert das 14-jährige Patenkind Konfirmation. Wenn's mein's wär, denke ich, wär' mir das alles viel zu schnell gegangen mit dem Großwerden und frage mich gleichzeitig, was aus mir in all der Zeit geworden ist. Ein wenig fühlt es sich noch an, als sei es erst kürzlich gewesen, dass ich die Kleine auf dem Bauch ihrer Mutter hab liegen sehen. Mit knapp 41, wo steht der Mensch da, frage ich und will nicht weiter nachdenken, spiele lieber mit den Quersummen 1 + 4 und 4 + 1 und finde es schön, dass in der Summe dann doch noch alles gleich ist.

 

 

 

 

 

27. März 2002

 

Und was bin ich? Und du?

Wo wollen wir wachsen und blühen und schwimmen und rudern und strampeln?

Und - vor allem: Wo wollen wir leuchten?

 

 

 

 

 

26. März 2002

 

Wenn du nicht Kiefer sein kannst auf dem Hügel,

Sei ein Busch im Tal - aber sei

Der schönste kleine Busch am Ufer des Bachs.

Sei ein Busch, wenn du kein Baum sein kannst.

 

Wenn du kein Busch sein kannst, sei ein Büschel Gras

Und steh heiter am Straßenrand.

Wenn du kein Hecht sein kannst, sei einfach ein Barsch,

Aber der munterste Barsch im See.

 

Nicht nur Kapitän, auch Mannschaft muß sein,

Für alle von uns ist Platz.

Viel Arbeit ist zu tun und wenig,

Doch die Pflichten, die wir haben sind gleich.

 

Wenn du keine Straße sein kannst, sei nur ein Pfad.

Wenn du die Sonne nicht sein kannst, so sei ein Stern.

Es ist nicht die Größe, nach der du siegst oder fällst.

Sei das Beste, was immer du bist.

 

Douglas Malloch

 

 

 

 

 

19. März 2002 - Morgenstund ...

 

"Auf, auf! Sich regen bringt Segen", rief der große Regenwurm und reckte sich lang und elegant aus der feuchten Gartenerde.

"Aber ich bin doch noch sooo müde", gähnte der kleine Regenwurm, hielt sein rosa Näschen kurz in die kühle Morgenluft, schüttelte sich. "Brrr, neee, nicht mit mir. Viel zu früh ...", murmelte er und grub sich gleich wieder ein.

"Euch jungen Dingern mach' ich noch allemal etwas vor", schimpfte der große Regenwurm und begann mit seiner Morgengymnastik.

Auf dem Zaun die Amsel legte den Kopf schief ... Nach dem Frühstück sang sie "The early bird catches the worm."

 

 

 

 

 

12. März 2002 - Frühlingsgefühle

 

Sooo viel Sonne - da grüßen Franke und Fränkin sogar Leute, die sie nicht kennen.

 

 

 

 

 

11. März 2002 - Fundsache

 

Im Rucola ein Kleeblatt gefunden. Dreiblättrig...

Unsinniger Wunsch, es hätte ein vierblättriges sein mögen. Als ob das etwas ändern würde. Als ob ein Kleeblatt etwas richten könnte. Als ob es etwas ungeschehen machte. Hätte lieber meinen Verstand gefunden. Jetzt hab ich den Salat...

 

 

 

 

 

10. März 2002 - Bestellung

 

Flügel für meine Seele? Arme und Beine wären schon genug.

 

 

 

 

 

6. März 2002 - Bilanz auf Balkonien

 

Winter-Abrechnung:

1 zersprungener Blumentopf (Aufschrift: winterhart)

1 erfrorenes oder ersoffenes oder vertrocknetes Efeu

1 sehr tote Maus (hinter einem ebenfalls winterharten, überlebenden Blumentopf)

1 trotzig blühender Winterjasmin

1 Kater, der dringend Winterspeck abspecken sollte

1 Stuhl, auf dem lange niemand saß

1 leerer Blumenkasten, der wartet - wie der Stuhl, wie der Kater, wie ...

ich

 

 

 

 

 

5. März 2002

 

Ob ich es jemals schaffe, gleichzeitig zu "leben" und zu schreiben? Mir ist, als müsste ich mich entscheiden, wohin meine Energie fließt. Als könnten Innenwelt und Außenwelt nicht gleichzeitig bestehen, als müsste immer eine von beiden für lange Zeit zurückstehen. Ich will das nicht mehr. Ich will endlich ganz werden. Ich will alles.

 

 

 

 

 

19. Februar 2002

 

Auch eine Gabe: das Talent zum Unglücklichsein

 

 

1. Februar 2002 - Kleine Einschlafhilfe

 

Britische Schlafwissenschaftler haben herausgefunden, dass Schafezählen keine gute Einschlafhilfe ist. Patienten, die vor dem Einschlafen an Wasserfälle dachten, schliefen bis zu 20 Minuten schneller ein. Schafezählen sei viel zu profan, sie lenkten zu wenig von alltäglichen Problemen ab, sagte die Forscherin Allison Harvey. Stelle man sich dagegen komplexere Szenen vor, werde man schneller müde.

 

Ich stelle mir eine Schafherde vor, die jemand auf eine Hängebrücke treibt, welche über einem reißenden Fluss schaukelt, der auf einen Wasserfall zustürmt...

Na dann - gute Nacht!

 

 

 

 

 

19. Januar 2002 - Aus der heiteren Kaffeerunde mitgebracht:

 

Kurz vor meiner Geburt kauften sie eine junge Kuh. Sie hieß Helga.

 

 

 

 

 

18. Januar 2002 - "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen..." (Rilke)

 

Jaja, ich weiß. Noch gestern habe ich verkündet, dass mir das Veröffentlichen nicht so wichtig ist. Aber als ich heute den Brief las, musste ich doch vor Freude gleich zum Telefon sprinten. Nur ein paar Seiten, und wie mein Schicksal es will, krieg ich mal wieder garnix dafür, aber trotzdem... Ja, ich gestehe, es ist schön. Und es macht Sinn. Für mich. Mehr, als ihr ahnen könnt. Wieder ein Kreis geschlossen. Alles macht Sinn. Eines Tages...

 

 

 

 

 

17. Januar 2002 - Gedicht (Auszug), das mich seit Januar 1992 begleitet

 

                            "Und jedem Anfang

                             wohnt ein Zauber inne,

                             der uns beschützt und

                             der uns hilft zu leben"

 

                             Hermann Hesse

 

 

10. Januar 2002

 

Es war das Fest der Liebe, der Freude und des Friedens für mich. Für dich, für euch hoffentlich auch. Ich wünsche uns ein gutes neues Jahr, Gesundheit, Glück und genügend Neugierde und Mut für ein lebendiges Leben.

 

 

 

 

24. Juni 2002 - Wussten Sie schon?

 

Es gibt keine freilebenden Kartoffeln.

 

 

 

 

 

24. Juni 2002

 

Eichhörnchen springt

aus dem Ahorn

vor meine Füße

schaut mich prüfend an

findet mich

ungenießbar

 

 

 

 

 

23. Juni 2002

 

Wenn die Liebe geht - was bleibt?

 

 

 

 

 

25. Juni 2002 - Am Rhein

 

Das Leben fließt

hin zum großen Meer

das wir Ewigkeit nennen

Und keiner weiß

wie weit es ist

Nur dieses:

Das Ruder halten

wir selbst in der Hand

 

 

 

 

 

8. Juli 2002

 

Von einem Häuschen am Meer hatte ich geträumt.

Realität ist mein Balkon in der Galgengartenstraße.

Und der schwarze Kater auf der Mauer, dessen Ohren

spitz gegen das zarte Lila des Abendhimmels stehen.

Glockengeläut und Automotoren.

Habe ich nicht alles, beinahe?

Allein, dass ich hier sitzen darf.

Dass ich nur mir selbst verantwortlich bin weitgehend.

Dass ich gesund bin.

Und Reifen quietschen in die Stadt hinunter,

und ein Auto fährt schon mit Licht vorbei.

Der Kater legt sich hin.

Und schaut und lauscht.

Und setzt sich wieder auf.

Wendet den Blick hierhin und dorthin.

Wach sein. Nur nichts versäumen.

Wie das Gelb seiner Augen weniger wird.

Der Himmel färbt sich rosa.

Ausschau halten und nicht wissen wonach.

Bald werden Konturen verwischen.

 

 

 

 

 

29. Juli 2002

 

Wer kennt es nicht, das geflügelte Wort: "Glück in der Liebe, ..."

Ich sollte Lotto spielen...

 

 

 

 

 

17. August 2002

 

Am Ende eines nachdenklichen Tages die Frage: Wozu das alles

Und die Vorstellung vom schrittweisen Rückzug

Ich muss das Tagebuch offline nehmen. Jetzt. Auf unbestimmte Zeit. Am liebsten die komplette Internetpräsenz.

 

 

 

 

 

7. August 2002

 

Ja ja... Die Bezeichnung Tage-Buch verdient diese Seite nicht, ich weiß. Gibt es Wochenbücher, Notwendigkeitsbücher, Outputbücher, Für-den-Fall-Bücher?

Es ist wie es ist. Und ich bin nun mal wortkarg. Meistens.

 

 

 

 

 

30. Juli 2002 - Aus dem Tagebuch der Anti-Hausfrau:

 

... Ich werde ein Drehbuch schreiben mit dem Titel: Die Küche lebt

 

 

 

 

 

4. September 2002

 

Wenn wir uns abhanden kommen - wer sucht uns, wird uns finden?

 

 

 

 

 

30. August 2002

 

Eines Tages

begegnen wir uns

Dann werde ich wissen

worauf ich gewartet habe

 

 

 

 

 

20. August 2002

 

Ein verwegener Gedanke: Vielleicht ist alles ganz einfach im Grunde.

 

 

 

 

 

10. September 2002 - An R.

 

Plötzlich kommt der Moment, ab dem du alles neu denken musst.

 

 

 

 

 

9. September 2002 - Schreibtisch-Dialog (1)

 

"Tu was!", sagt Hilde. "Ich weiß nicht, worauf du noch wartest."

"Und wenn ich's nicht kann?"

"Wie willst du das wissen, ehe du alles gegeben hast... Die Überlegung steht dir noch lange nicht zu."

Traurig und müde ihr Blick. Als wäre keine Zeit zu verlieren.

 

 

 

 

 

15. September 2002 - Es weihnachtet sehr!

 

Donnerstag, 12. September, Aldi: Hurra! Die Schoko-Nikoläuse sind da. Lebkuchen mag ich nicht.

Und heute verkündet der real-Prospekt: "Nur noch 13 Wochen bis Weihnachten" - Weihnachtskerzen, -karten und Christbaumkugeln im Angebot.

Da fällt mir siedendheiß ein, dass ich noch kein einziges Geschenk habe! Jedes Jahr der gleiche Stress - so kurz vorm Fest...

 

 

 

 

 

12. September 2002

 

Und dann wieder ist das Leben so schön. Einfach nur, weil die Sonne scheint und die Bäume im Wind rauschen. Und Wörter kommen von irgendwoher und lächeln dich an.

 

 

 

 

 

11. September 2002 - Schreibtisch-Dialog (2)

 

"Beweg dich", sagt Hilde. "Wenn du stehen bleibst, bist du verloren."

"Wenn ich nicht immer so müde wäre..."

"Das Stehen erschöpft dich mehr als das Gehen."

Ein winziges Lächeln in ihren Mundwinkeln - ernst und nachsichtig.

 

 

 

 

 

19. September 2002

 

Das Blöde an Mauern ist, dass sie auch das zurückhalten, was dich stark macht. Die Feinde prallen zurück - und das Licht und die Wärme.

 

 

 

 

 

18. September 2002

 

Gänsehaut... Die Ärmel zu kurz, der Herbst vor der Tür - und eine Menge weiterer Gründe.

 

 

 

 

 

26. September 2002 - Für S.

 

Plötzlich wird es Nacht für dich

mitten am Tag

und keine Kerze hell genug

In Nachbars Garten

sammeln sich Vögel

singen vom Süden

Ich wünschte es würde

nicht Herbst, noch Winter

der Abschiede wären genug

 

 

 

 

 

22. September 2002

 

Um 20.00 Uhr fällt der Vorhang. "Das war's", sagt der Sommer, "wir sehn uns im nächsten Jahr. Die Kerzen sind im Schrank unten rechts." Ich frage mich, woher er das weiß.

 

 

 

 

 

21. September 2002 - Aus der Tiersprechstunde

 

- Hilfe, mein Kater hat Kakteendünger getrunken. Was soll ich tun?

- Tragen Sie Handschuhe!

 

 

 

 

 

18. Oktober 2002 - Psychohygiene

 

Nachdem ich mich einen Tag lang im Kreis gedreht, Stunden um Stunden gekaut und gewälzt hatte, um letztendlich zu den immer gleichen Ergebnissen und Ausblicken zu kommen, beschloss ich, meine Zeit künftig mit schöneren Dingen zu verbringen. Also beschrieb ich einige Blätter und heftete sie an Schränke, Türen und Regale. Darauf standen diese Fragen:

 

                           Wohin schaue ich?

                           Worauf bin ich stolz?

                           Was kann ich für mich tun?

 

 

 

 

 

17. Oktober 2002 - Gefunden...

 

Jeder Tag ist ein guter Tag

 

 

 

 

 

9. Oktober 2002 - Gefunden...

 

Wir Menschen

sind Engel

mit nur einem Flügel.

Um fliegen zu können,

müssen wir uns

umarmen.

 

Reinhard Becker

 

 

 

 

 

27. Oktober 2002

 

Heute ist es gut, nicht im Kamin zu wohnen, sein Zinkdach flog am Küchenfenster vorbei. Im Vorgarten lag es wie ein Vogelhaus.

Kachelmann sagt: "Am sichersten sind Sie zu Hause."

Der Blick aus dem Fenster beruhigend: Nachbars Bäume neigen sich parallel zum Haus.

Warten und hoffen, wieder einmal davon zu kommen ohne größeren Schaden.

 

 

 

 

 

26. Oktober 2002

 

Vielleicht ist am Ende nur eines wichtig:

Sagen zu können, "ich habe geliebt"

 

 

 

 

 

1. November 2002

 

Ich spanne den Bogen weit

von mir zu dir

 

 

 

 

 

31. Oktober 2002

         

(... und BaLo* grüßt)

 

 

 

 

 

7. November 2002 - Vorvorweihnachtszeit

 

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, über Geschenke nachzudenken. Noch sind die Schlangen an den Kassen keine fünfzehn Meter lang. Noch haben wir anderes im Blick, als Geschenkpackungen vom Fließband mit 4711, Rosenblütenbadeöl und Massagehandschuh. Noch griffen wir nicht zum edlen Tropfen im Angebot inclusive festlicher Tragetüte.

Eines Jahres, Anfang November, waren wir stolz, meine Schwester und ich. Wir hatten das Richtige für meinen Vater gefunden. Es liegt noch heute in meinem Schrank. Wir feierten ohne ihn. Zumindest versuchten wir es.

Nicht, dass wir geglaubt hätten, es sei unsere Schuld gewesen. Aber im Voraus kaufen wir nichts mehr. Und eigentlich haben wir uns längst daran gewöhnt - an das Hasten und Suchen in der staden Zeit.

 

 

 

 

 

6. November 2002 - Feststellung

 

Menschen, die nicht im Telefonbuch stehen, sind mir suspekt.

Viele andere auch.

 

 

 

 

 

4. November 2002

 

Vielleicht sind wir alle nur Teil eines großen Traumes.

 

 

 

 

 

4. November 2002 - Nicht geerdet

 

Wie schwer es ist, wieder Boden unter die Füße zu bekommen, nach wort- und traumumspülten Tagen. Es ist mir heute nicht gelungen. Ich bin wie Treibholz zwischen den Welten und nirgends wirklich zu Hause...

 

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Fundstück am Abend:

 

"Hätten wir Enten gekauft, wären die Hühner nicht ersoffen."

 

(so sprach der weise Opa von C.)

 

 

 

 

 

11. November 2002

 

4.00 Uhr: Was mache ich hier, um diese Zeit? Auch wachte ich auf und rezitierte im Geiste meine eigenen Gedichte. Wären es wenigstens neue Ideen gewesen. Der Kater freut sich über unser nächtliches Stelldichein im Arbeitszimmer.

 

 

 

 

 

8. November 2002 - Aus meinem Frühwerk ;-)

 

Ich will nicht den einfachen Weg gehen,

ich will den richtigen Weg gehen. (1985)

 

So gesehen, bin ich schon sehr konsequent...

 

 

 

 

 

28. November 2002

 

Türen und Fenster geschlossen.

Alles ist Schweigen.

Bin unerreichbar

in mir.

 

 

 

 

 

19. November 2002

 

Heute glaubt sie daran.

 

 

 

 

 

18. November 2002

 

Heute singt sie: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n..."

 

 

 

 

 

22. Dezember 2002

 

Das Jahr klingt leise aus. Alles ist richtig, wie es ist. Ich habe keine alten Rechnungen offen. Nichts, was wesentlich wäre, ist ungesagt geblieben. Auch wenn ich jetzt keinen Urlaub habe, ist eine tiefe Ruhe in mir, in der ich Kraft tanke für die nächste Aufgabe, die mir das Leben stellen wird.

 

Ich wünsche euch, dass ihr mit Hoffnung ins neue Jahr geht und mit dem Vertrauen in die eigene Kraft.

 

 

 

 

 

 

16. Dezember 2002 - In Schönschrift

 

Man könnte sich das Leben auch schön schreiben.

Könnte man...

 

 

 

 

 

27. Dezember 2002 - Aus der Weihnachtspost

 

"Man muß nie verzweifeln, wenn einem etwas verlorengeht -

ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück:

es kommt alles noch herrlicher wieder."

 

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

25. Dezember 2002

 

"Bedenke: Nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall."

 

Dalai Lama

 

 

 

 

 

28. Dezember 2002

 

Am liebsten ließe ich mich in meine Träume sinken. Aber durchs Treppenhaus stapft das Leben und eine alte Stimme mahnt.

 

 

 

 

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